The hysterical photographical Poetry
by
Massimo Fiorito
 
2010 / 20112010_2011.html
2011 / 20122011_2012.html

Hipsterical photographical Poetry

Unmanageable emotional excess


Wie an die Wand geweht, völlig chaotisch und hysterisch verwirrend, wirken die über 400 kleinen quadratischen Fotografien im Format von 12 x 12 cm mit wenigen Ausnahmen in 12 x 15 cm, 12 x 25 cm, 12 x 50 cm und 19 x 19 cm. Die Installation eines allover-structure hat eine sowohl mitreißende wie mit-„reisende” Sogwirkung. Wir sehen Reiseaufnahmen aus Rumänien, Spanien, Italien, Frankreich  und Deutschland in Schwarzweiß und Farbe. Sie zeigen alle einen Farbstich und Alterspuren als seien sie aus dem elterlichen Koffer der 1960/70er Jahre entnommen. Die Motive zeigen alltägliche Momentaufnahmen in besonderem Licht getaucht.  Den Situationen, Gegenständen und Häusern mutet etwas Geheimnisvolles bis Rätselhaftes an, surreal wie in einem Traum. Es sind Beobachtungen, die zum Geschichten erzählen anregen. In jedem dieser Bilder steckt Poesie. Was hat das Mädchen wohl aus dem Wasser gefischt, weil sie so neugierig den Kopf nach vornüber beugt, von einem Lichtkranz umweht und am Treppenabsatz des Beckens verharrend? Die Baumkrone einer Pinie mutiert in ihrer Form zu einer schwarzen Wolke, eingespannt zwischen Stromleitungen und Häuserfassaden. Die Bagger und Blauhelmarbeiter an der Isar wirken wie Spielzeug durch die extreme Verblassung der Farbe. Spätestens an den jüngeren Automodellen oder diversen Werbeflächen checkt der Betrachter, dass die Bilder nicht aus dem elterlichen Koffer stammen können. Alle Bilder hat der Berufsfotograf Massimo Fiorito (geb. 1962 in Verona) in jeweils 365 Tagen vom 5. November 2010 bis 4. November 2012 aufgenommen. Das quadratische Format knüpft an die Sofortbilder der geliebten wie verhassten Polaroid. Seit 1985 setzt Fiorito bewusst die Polaroidkamera für seine Schnappschüsse ein, weil sie im Unterschied zur Analogkamera ein Unikat als Ergebnis herausschoss. Dafür konnte man sie wahrlich lieben. Wenn man allerdings die Fotografie aus einer inneren Notwendigkeit betreibt, permanent fotografieren zu müssen, dann konnte die Polaroid wahrlich verhasst sein und einen in Hysterie treiben. Der Wechsel der Filmboxen nach 10 Aufnahmen, die auffällige und unhandliche Größe des Geräts und die hohen Kosten nahm Fiorito in Kauf für ein Unikat. Künstler der Pop Art wie beispielsweise Andy Warhol wussten dies zu schätzen. Als eine regelrechte Befreiung empfand Fiorito die Entwicklung zum smartphone: Die Qualität der Bilder verbesserte sich, die Kosten bleiben niedrig, der lästige Wechsel der Filme entfällt und unbeobachtetes aufnehmen wird möglich. Vor allem seinen Leitfaden jederzeit zu fotografieren blieb Fioriot sich treu. Auf seinem smartphone befinden sich Applikationen, die Oberflächen analoger Fotokameras nachempfinden und mit entsprechender Wahl der Filme, der Objektive und Blitze entstehen Bilder als seien sie aus verschiedenen Zeitepochen. Fiorito unterzieht seine Bilder keiner Nachbearbeitung, ähnlich wie bereits bei seinen frühen Polaroids. Mit der Auflage von maximal fünf Bilder entfernt er sich nicht allzu weit vom einstigen Unikat. Der gezielte Retroeffekt mag an die Lomographie erinnern, die 1992 in Wien als Gesellschaft gegründet wurde. Schnappschüsse, hysterisch permanentes Fotografieren und die Präsentation der Papierabzüge flächendeckend an den Wänden sind vergleichbar mit Fioritos Ansatz, aber jegliche Art von Regeln gehen ihm gegen den Strich. Der Titel hipsterical photographical Poetry setzt sich aus dem Wortspiel aus Hipster, Hysterie und History zusammen. Aufnahmen auf Reisen implizieren Erinnerungen, zumal sie bei Fiorito nicht chronologisch gehängt und aufgenommen sind. Es geht um die Dokumentation von Veränderung im Sinne eines Tagebuchs. Es sind Beobachtungen, die einen poetisch stimmen.Fioritos Reisebilder gehen auf die Geschichte der US-amerikanischen Fotografie der 1960er zurück, in der die Veränderung sowie Zerstörung der viel gepriesenen Weite der Landschaft und ihrer jungen Städte als „social landscape” dokumentiert wird. Der amerikanische Fotograf Lee Friedlander zerlegt Ansichten auf „Street Life” Motive durch Autoscheiben und Rückspiegel. Durch mehrfache Spiegelung seiner eigenen Person in Schaufenstern wirkt seine Gestalt surreal verstellt. Seine Schwarzweißfotografien wurden 1967 neben den Aufnahmen von Diane Arbus und Garry Winogrand im MoMA unter dem Titel „New Documents” ausgestellt. Vergleichbare Perspektivbrüche finden wir auf Fioritos Bildern. Der subjektive Blick auf banale Gegenstände in besonderen Lichtverhältnissen in knalligen Farben erinnert an „William Eggleston’s Guide” von 1972. Die Einzelausstellung des Südstaatlers Eggleston im MoMA wurde mit der Kritik, die Fotos seien „banal”, „langweilig” zeige „Schnappschuss-Chic” zur meist gehassten Ausstellung des Jahres 1976 gekürt. Bis dato galt nur die Schwarzweißfotografie als künstlerisches Mittel der Fotografie. Alltägliche Gegenstände, unspektakuläre Dinge sogenannte „non events” wurden von Eggleston mit dem kostspieligen aufwendigen Dye-Transfer-Verfahren, was einst für Werbeflächen von Coca Cola entwickelt wurde, in sehr guten Prints übersetzt. Auf diese Weise wurde Alltag im Zeichen von Pop Art zur Kunst. Farben wecken Emotionen. Das war damals Ziel der Werbung, nicht der künstlerischen Fotografie. Bilder durften ab diesem Zeitpunkt auf einmal poetisch sein. Weite Straßenzüge, Reklame und Schaufensterauslagen, die verwahrlost an gute alte Zeiten erinnern, hielt Steven Shore als Mitarbeiter von Andy Warhols Factory in den 1970er Jahren wie William Eggleston in Farbe fest. Es handelt sich bei allen aufgeführten historischen Vorbildern um den „entscheidenden Augenblick” so der Buchtitel des berühmten Fotografen Cartier-Bresson von 1952. Er verstand in seinen Bildern bestimmten Situationen eine Zeitlosigkeit zu verleihen. Massimo Fiorito entdeckte diese vergleichbaren Augenblicke für sich in seiner Wahlheimat München und auf den Reisen nach Rumänien, Italien und Spanien. Fiorito will sich mit Hipsterical photographical Poetry insbesondere auf den Begriff Hipster mit dem historischen Hintergrund der 1940er beziehen. Schwarze Jazzmusiker und die weißen Dichter der Beat Generation prägten die urbane Subkultur und die künstlerische Avantgarde der abstrakten Expressionisten in den USA. „Für mich ist Jazz Musik einer der schönsten Ausdrucksformen der Kunst. Sie verbindet die Improvisation mit der Technik. Ohne Beherrschung der Technik wäre Jazz Musik nicht möglich und so fühle ich mich beim Fotografieren. Ich meine, ich mag an die Fotografie denken so wie an eine Art von Jazzimprovisation, wo die Regeln ständig benutzt, verneint und übertreten werden, damit ständig etwas Neues entsteht.”


Stand: 30.08.2012

Gabriele Kunkel M.A.